Medienabhängigkeit – Internetsucht
Gefangen in der virtuellen Welt

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Das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten ist heute bereits bei vielen Menschen zu einem zentralen Bestandteil des Lebens geworden. Es stellt mit seinen vielen Einsatzmöglichkeiten eine (virtuelle) Lebenswelterweiterung dar. Dass es dabei allerdings auch zu pathologischen Nutzungsformen kommen kann und wo diese vermehrt auftreten, wird im Folgenden zu erörtern versucht.

 

Das Internet dringt in immer mehr private und berufliche Lebensbereiche vor und hat in den letzten Jahren ein rasantes Wachstum erlebt, wodurch es als Lebenswelterweiterung angesehen werden kann. Seit 1996 sind die Nutzerzahlen um mehr als das Achtfache angestiegen, wobei ein Generationsunterschied erkennbar ist, da die jüngere Generation das Medium fast flächendeckend, die ältere Generation dagegen in einem geringerem Ausmaß (vgl. Integral, 2009) nützt.

Damit repräsentieren die jüngeren Generationen die sogenannten „digital natives“, die älteren Generationen die „digital immigrants“, wobei der Unterschied darin besteht, dass „digital natives“ den Umgang mit dem Medium Internet in ihren Alltag integriert haben, währenddessen „digital immigrants“ sich diesen Umgang erst im reiferen Alter aneigneten und oftmals einen vergleichsweise pragmatischen Ansatz pflegen. Diese altersbedingten Nutzungsunterschiede sind gegenwärtig (noch) erkennbar und spielen im therapeutischen Alltag eine nicht unwesentliche Rolle.

Historie

Der amerikanische Psychiater Ivan Goldberg bezeichnete manche Internetnutzer 1995 noch scherzhaft als abhängig, was jedoch sehr schnell von Kollegen aufgegriffen wurde und eine immer stärkere Relevanz im wissenschaftlichen und therapeutischen Alltag einnahm. Betrachtet man Untersuchungen und Studien zu diesem Thema, so ergeben sich recht unterschiedliche Ergebnisse; die Prävalenzraten schwanken zwischen 12,7 Prozent (Zimmerl, 1998) und 1,4 Prozent (Meixner und Jerusalem, 2009). Durch die geografischen und/oder altersspezifischen Selektionen der Samples wird zwar keine Repräsentativität erreicht, aber dennoch eine gesellschaftliche Relevanz und auch der Bedarf an professionellen Hilfsdienstleistungen abgebildet.

Dabei ist allerdings eine Unterscheidung beim abhängigen Verhalten angebracht, da das Medium Internet auf der einen Seite ein leichteres Ausüben anderer Verhaltenssüchte ermöglicht, wie es zum Beispiel beim Glücksspiel gegeben ist. Auf der anderen Seite fördern die virtuellen Plattformen auch verschiedene neue Möglichkeiten der Kommunikation, Interaktion, Sozialisation sowie der Befriedigung des Spieltriebs, was zu einem exzessiven beziehungsweise pathologischen Verhalten führen kann.

Virtuelle Lebenswelten

Um Medienabhängigkeit/Internetsucht verstehen zu können, ist es in einem ersten Schritt wichtig, einen Überblick zu bekommen, in welchen Bereichen sich die User beziehungsweise Patienten vermehrt bewegen und was die Faszination der unterschiedlichen virtuellen Plattformen ausmacht.

Der therapeutische Alltag zeigt an dieser Stelle speziell zwei Anwendungsbereiche auf, die von einer großen Anzahl der Patienten genutzt werden. Auf der einen Seite sind die Web-2.0-Anwendungen, für die Schmidt et al. (2009) den Begriff „social web“ vorzogen, weil dieser die zentralen Aspekte von Kommunikation, Partizipation und Sozialisation am besten zusammenfasst. Einen offenbar besonders attraktiven Bereich dieses „user-generated content“ stellen die „social networks“ dar, die von allen österreichischen internetnutzenden Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren verwendet werden (vgl. Gfk Austria, 2009).

Auf der anderen Seite stehen die Onlinerollenspiele, die auch „massively multiplayer online role playing games“ (MMORPGs) genannt werden. Diese schaffen es offenbar, ein hohes Maß an Immersion zu erzeugen, die auch durch den von Csikszentmihalyi (1995) beschriebenen Flow-Effekt oftmals erklärt wird, wodurch die Spielenden sehr intensiv in die (meist fantastischen) virtuellen Welten eintauchen können und mit Fortdauer des Spiels auch verstärkt Teil der Onlinecommunity werden, was einen zusätzlichen besonderen Reiz dieses Spielgenres ausmacht. Allen voran wird diesbezüglich vermehrt „World of Warcraft“ (WoW) thematisiert, das auch das am meisten bevorzugte Spiel der Patienten darstellt.

Dabei muss allerdings festgehalten werden, dass WoW dieselben Spielprinzipien und Mechanismen verwendet wie viele andere Onlinerollenspiele, wobei keines dieser Spiele von vornherein abhängig macht, sondern es zu einem Zusammenspiel verschiedenster Faktoren bei einer möglichen pathologischen Entwicklung kommt. WoW ist das Onlinerollenspiel, das mit Abstand die meisten Spieler hat, was wiederum als Erklärungsmodell für die hohen absoluten Zahlen unter den Betroffenen von Internetsucht herangezogen werden kann.

Auffallend ist auch der hohe Anteil an männlichen (jugendlichen) Menschen. Hoeft et al. (2008) erklären dies in ihrer Untersuchung über die Geschlechtsunterschiede beim Computerspielen. Sie stellten fest, dass männliche Probanden beim Computerspielen eine höhere Aktivität und funktionale Verbindungen im mesocortisch-lymbischen System aufzeigen als Frauen. Demnach sind die Hirnaktivitäten im Belohnungssystem und den Lernregionen bei Männern während dem Computerspielen stärker aktiv als bei Frauen, was wiederum einen möglichen Erklärungsansatz bietet, warum Männer von dieser Tätigkeit mehr fasziniert sind bzw. diesem Verhalten auch vermehrt exzessiv nachgehen.

Merkmale

Die Abhängigkeitserkrankung Internetsucht hat noch keinen Eingang in gängige Klassifikationssysteme wie ICD-10 (Dilling et al., 1991) oder DSM-IV-TR (Saß et al., 2003) gefunden, sondern wird im therapeutischen Alltag unter der Kategorie F63.8 „Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ des ICD-10 diagnostiziert, welche die pathologische Tragweite allerdings nur eingeschränkt erfasst.

Prinzipiell zwei Erklärungsmodelle finden sich hinsichtlich einer pathologischen Internetnutzung wieder. Auf der einen Seite, dass es sich hierbei um eine stoffungebundene Abhängigkeitserkrankung handelt, und auf der anderen Seite, dass es nur ein Symptom anderer bereits bekannter psychischer Erkrankungen darstellt (Te Wildt, 2009). Der therapeutische Alltag zeigt allerdings, dass die Auswirkungen und Merkmale einer pathologischen Internetnutzung sich mit jenen anderer stofflichen und nicht stofflichen Abhängigkeitserkrankungen vergleichen lassen, was eine Klassifizierung als Sucht als angebracht erscheinen lässt. In Anlehnung an andere (stoffungebundene) Suchtformen haben sich die fünf Kriterien Fokussierung, Kontrollverlust, negative Konsequenzen, psychovegetative Entzugserscheinungen und die Unfähigkeit zur Verhaltensänderung bei der Internetsucht als angebracht erwiesen (vgl. Zimmerl, 1998), die in abgewandelter bzw. erweiterter Form in Diagnostik, Therapie und Wissenschaft angewendet werden (vlg. Grüsser und Thalemann, 2006).

Entwicklung

Wie bei anderen Abhängigkeitserkrankungen ist bei einer Entwicklung eines pathologischen Internetgebrauchs eine multifaktorielle Suchtgenese identifizierbar. Dabei spielt auf der einen Seite das Verhalten, sprich der Internetgebrauch selbst, der wie oben schon angedeutet von einer breiten Bevölkerungsgruppe immer und überall ausgeführt werden kann, eine zentrale Rolle. Einen wesentlichen Bereich stellen darüber hinaus die Person bzw. die Persönlichkeitsmerkmale dar. Wölfling und Müller (2009) beschreiben aufgrund ihrer klinischen Erfahrungen verschiedene Vulnerabilitätsfaktoren, wie z.B. Introversion, Neurotizismus etc., die den einzelnen Betroffenen – teilweise in Kombination – bei einer Computerspielsucht zugrunde liegen. Außerdem spielt das soziale Umfeld beziehungsweise die Integration in ein solches eine Rolle. Dieses soziale Umfeld erkennt eine mögliche Verhaltensänderung augrund des vermehrten Internetgebrauchs auch oftmals als Erstes und reagiert dementsprechend früher als die Betroffenen selbst. Dabei ist vor allem hinsichtlich jugendlicher Patienten eine genaue anamnestische Abklärung notwendig, durch die eine exzessive Phase in einem entwicklungspsychologisch unbedenklichen Ausmaß von einer möglichen pathologischen Entwicklung unterschieden werden sollte.

Gerade Eltern scheinen hinsichtlich einer möglichen pathologischen Entwicklung des Internetgebrauchs ihrer Kinder übersensibel zu sein. Dies lässt sich unter anderem mit den bereits oben definierten Begrifflichkeiten der „digital immigrants“ und der „digital natives“ erklären. Das lebensweltliche Expertenverhältnis dreht sich beim Internetgebrauch oftmals um. Die Jugendlichen („digital natives“) haben in einer Lebenswelt einen Wissensvorsprung und nutzen diesen auch, was wiederum bei den Erwachsenen („digital immigrants“) Unsicherheiten und in weiterer Folge auch Ängste erzeugt, wodurch der Weg in eine professionelle Einrichtung oder andere professionelle Hilfe anscheinend verkürzt wird.

Eine pathologische Entwicklung zeichnet sich in weiterer Folge dadurch aus, dass der Internetgebrauch mit der Zeit zum Handlungszentrum wird, andere Lebensbereiche in den Hintergrund rückt oder gar verdrängt, bis die Nutzung des Internets die einzige Handlungsoption bleibt. Dabei ist ein Wechselspiel zwischen realweltlichen (der Begriff „realweltlich“ beschreibt in diesem Zusammenhang alle Tätigkeiten, die nicht in der Beschäftigung mit dem Internet stattfinden), Negativverstärkern (z.B. Probleme in der Schule/Arbeit, Beziehungsschwierigkeiten etc.) und virtuellen Positivverstärkern (z.B. Erfolgserlebnisse, Zugehörigkeit in eine Gemeinschaft etc.) erkennbar, die einen möglichen pathologischen Verlauf begünstigen bzw. die Aufrechterhaltung der Abhängigkeit fördern können.

Therapeutische Möglichkeiten/Ansätze

In einem Erstgespräch sollte eine ausführliche Anamnese und Exploration, insbesondere der „süchtig“ genutzten Bereiche im Internet, einen psychopathologischen Ist- Zustand definieren, auf dem in der Folge ein individuell zugeschnittenes Therapieprogramm gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt wird. Erste Versuche zeigten verhaltenstherapeutische Strategien in Kombination mit ressourcenorientierten, multimodalen Therapieansätzen als durchaus erfolgreich (Onlinetagebuch, Stundenpläne, …). Generell sind abstinenzorientierte Therapieansätze hier nicht sinnvoll, können jedoch zeitlich begrenzt, wie zum Beispiel im Rahmen einer stationären Therapie, durchaus hilfreich sein, den nötigen Abstand zum süchtigen Verhalten zu ermöglichen. Eine medikamentöse Behandlung etwaiger auftretender Komorbiditäten (Depression, Insomnie, Angststörungen, …) werden eine erfolgreiche Therapie natürlich unterstützen.

Ausblick

Aufgrund der rasanten Entwicklung im Bereich Internet und mit der wachsenden Zahl der Nutzer werden auch in der näheren Zukunft die Zahlen der problematischen und pathologischen Entwicklungen steigen. Daraus ergeben sich für die unterschiedlichsten Professionen (Pädagogik, Sozialarbeit, Psychologie, Medizin etc.) große Herausforderungen in den Bereichen Prävention, Diagnostik und Behandlung. Bereits jetzt ist es notwendig, valide diagnostische und therapeutische Verfahren zu entwickeln, um den von „Internetsucht“ Betroffenen professionelle und effektive Unterstützung anbieten zu können.

Literatur beim Autor

Lecture Board:

Univ.-Prof. Dr. Michael Bach, o. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper, Univ.-Prof. DDr. Gabriele Sachs

Dr. Hubert Poppe,
Facharzt für Psychiatrie und Neurologie,
Wien und Baden

 

 

© MMA, CliniCum neuropsy 6/2011; Foto: Privat