Er fand heraus, wie Lernen und Gedächtnis funktionieren. Bis zum Verständnis der biologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen ist es aber noch ein weiter Weg, meint der Medizin- Nobelpreisträger Prof. Dr. Eric Kandel.
CliniCum psy: Herr Professor Kandel, Sie schreiben in Ihrem kürzlich erschienenem Buch "Auf der Suche nach dem Gedächtnis" dass wir nur ganz bestimmte Erinnerungen ein ganzes Leben im Gedächtnis behalten.
Kandel: Wir merken uns nicht alles, weil die meisten Dinge ganz unwichtig sind; an Triviales erinnern wir uns einfach nicht. Was aber wichtig ist, wird auch aus emotionaler Sicht interessant – es bekommt gleichsam eine emotionale Aufladung. Wir erinnern uns an Liebeserlebnisse, wir erinnern uns an schmerzvolle Erfahrungen, und wir erinnern uns an Dinge, die uns faszinieren. Emotionen sind ein Schlüsselelement für die Speicherung im Langzeitgedächtnis.
Sie sagen, dass die Amygdala angstvolle Erinnerungen ein Leben lang behält.
Tatsächlich bedeuten nachhaltige Erfahrungen anatomische Veränderungen im Gehirn – insgesamt nur eine subtile Differenz, aber genug, um einen enormen Effekt zu haben. Wenn Sie eine solche Erfahrung machen, dann sind Sie tatsächlich eine anderen Person geworden. Die anatomische Veränderung ist wiederum die Folge einer geänderten Genexpression. Lernen – in welcher Form auch immer – hat ganz profunde Effekte auf das Gehirn.
Sie vermuten, dass es vielleicht eines Tages Mittel geben wird, die auf molekularer Basis Gefühle von Selbstsicherheit und Selbstvertrauen stärken können.
Eine solche „Happiness-Pille“ gibt es natürlich noch nicht. Wir kennen einiges über die Molekularbiologie des Gehirns und könnten vielleicht eines Tages tatsächlich in der Lage sein, ein solches Mittel zu entwickeln. Eine meiner Mitarbeiterinnen, die Österreicherin Daniela Pollack, befasst sich genau mit diesen Prozessen: Sie versucht Gene und Proteine zu identifizieren, die mit Gefühlen von Sicherheit und Sorglosigkeit verknüpft sind. Worauf ich insgesamt hinweisen möchte, ist die Tatsache, dass wir mit der Kenntnis der zell- und molekularbiologischen Grundlagen eine einheitlichere Basis der Neurowissenschaften zur Verfügung haben. Doch wir stehen erst am Anfang. Wir müssen verstehen, wie komplex mentale Prozesse tatsächlich sind. Genauso müssen wir verstehen, welche zellulären und molekularen Grundlagen psychische Erkrankungen haben. Was ist die Natur der Depression, wo im Gehirn nimmt sie ihren Ausgang, und welches sind die kritischen Gene? Gleiches gilt für Schizophrenie, Zwangserkrankungen oder Panikattacken – darüber wissen wir noch so gut wir gar nichts. Die Neurologie steht heute auf einer soliden wissenschaftlichen Basis, in der Psychiatrie stehen wir damit erst am Anfang – das ist die wahre Herausforderung für die Zukunft.
Sie betonen, sowohl Zellbiologe als auch Psychiater zu sein, und hätten gerade als Letzterer versucht, von Ihren Patienten zu lernen.
Vor allem von den Patienten habe ich gelernt, wie kompliziert mentale Prozesse sind, aber auch wie hartnäckig neurotische Symptome sein können. Genauso habe ich gelernt, wie wichtig Erinnerungen und Gedächtnis im Leben der Menschen sind. Meine Tätigkeit als Psychiater und meine analytische Erfahrung haben mein Interesse für die Gedächtnisforschung weiter angestachelt.
Sie schildern auch anhand von Erlebnissen mit Ihren eigenen Kindern die Bedeutung der kognitiven und emotionalen Entwicklung. Gibt es so etwas wie einen Königsweg aus Ihrer Sicht als Vater, Zellbiologe und Psychiater?
Da gibt es keine einzige Antwort auf diese Frage: Mit Sicherheit ist es aber ganz wichtig, Anteil an dem Leben und den Interessen seiner Kinder zu nehmen, zu versuchen, sie zu verstehen, und sie zu ermutigen, das zu tun, was sie gerne tun. Kinder haben unterschiedliche Stärken und Schwächen – man muss einfach dafür sorgen, dass sie sich gut fühlen bei dem, was sie gut können. Insgesamt ist dies jedoch eine enorm große Herausforderung, und ich kann da sicher auch kein Patentrezept anbieten. Ich habe allerdings als Vater wie als Psychiater stets versucht, mein Bestes zu geben. Im Nachhinein betrachtet war ich aber viel zu sehr mit meiner Arbeit beschäftigt und würde heute meinen Kindern noch mehr Zeit widmen. Zu Hilfe kam mir vermutlich auch das zu Beginn meiner Laufbahn herrschende Rollenbild. Meine Frau hatte zwar einen Beruf, der genauso wichtig war wie meiner, doch sie ging viele Kompromisse ein, um mir meine Karriere zu ermöglichen. Ich weiß nicht, ob dies heute noch möglich wäre.




