Prof. Dr. Eva Jaeggi: Sie hat keine Psycho-Mode ausgelassen

Jaeggi: „Wir als Wissenschaftler sind nicht nur uns selbst und dem Elfenbeinturm verpflichtet. Wir müssen auch imstande sein, verständlich zu machen, wie die Psychologie uns helfen kann, Probleme des modernen Lebens besser zu verstehen.“

 Ihr wichtigstes Motiv, an die Psychotherapie heranzugehen, war und ist die Neugier, sagt Prof. Dr. Eva Jaeggi. Die Neugier auf das, was die Menschen „im Innersten zusammenhält“. Diese Neugier fing schon in der Kindheit hat. In der durch die Kriegswirren beengten Wiener Wohnung trennte nur ein Vorhang ihre Schlafcouch vom Wohnzimmer, von der Welt der Erwachsenen, deren Geschichten sie vorm Einschlafen gebannt lauschte. „Die Erwachsenen sprachen abends über vieles, was man damals einem sieben-, acht-, neunjährigen Kind niemals mitgeteilt hätte; neben den politischen Gesprächen waren das: verborgene Liebschaften, Ehebruch, sexuelle Schwierigkeiten, rätselhafte Verhaltensweisen und deren Motive – kurzum, die ganze Palette von Erwachsenenproblemen wurde vor mir ausgebreitet und natürlich vor allem von den Frauen der Familie seziert und analysiert“, erzählt Jaeggi in der Autobiografie „Wir Menschenbummler“, der sie acht Jahre später in einer erweiterten Ausgabe den Titel „Neugier als Beruf“ gibt. Als Jugendliche setzt Jaeggi das Analysieren und Reden – „Reden, reden, reden, ganze Nächte durch“ – mit ihren Freundinnen aus der katholischen Jugendgruppe fort, und als sie 17-jährig von dem Wort Psychotherapie „heimgesucht“ wird, ist es wie eine Offenbarung: „Augenblicklich habe ich gewusst, dass ich dies zu meinem Beruf machen will.“

Begeisterung für Soziologie

Freud und die Psychoanalyse waren im konservativen Österreich Anfang der 1950er Jahre im öffentlichen Bewusstsein vergessen oder verdrängt. Im Psy- chologiestudium ging es nicht um die Tiefen der menschlichen Psyche, sondern um Physiologie, Statistik und Experimente. Jaeggi beißt sich durch und besucht zum Ausgleich Vorlesungen in Philosophie und Kunstgeschichte. In einem Artikel des damals noch unbekannten Jürgen Habermas stößt die Studentin auf die – damals noch nicht so präzise herausgearbeitete – Einsicht, dass es keine theoriefreie Beobachtung geben kann. „Das war für mich damals eine Art Botschaft. Damit wurde für mich erstmals das Methodenproblem akut: Welchen theoretischen Hintergrund hatten denn überhaupt unsere Fragebögen und Tests? Was produzierten wir damit?“ Fragen, die Jaeggi später immer wieder und sehr klar aufgreifen sollte. Das nicht nachlassende Interesse „am Menschen“ treibt Jaeggi nach dem Studium in die Arme der Soziologie. Drei Jahre lang arbeitet sie an der Universität Dortmund in verschiedenen industriesoziologischen Projekten. Mit Begeisterung: Interviews zu führen, in fremde Häuser zu gehen, herauszufinden, wie die Menschen leben – das entspricht ganz ihrer Neigung. Auch nicht uninteressant: Sie lernt am Institut den Schweizer Soziologen Urs Jaeggi kennen. 1961 heiraten die beiden und ziehen nach Bern. „Private Veränderungen wie Heirat und die Geburt meiner Tochter haben mich dann in ganz andere berufliche Umwelten gebracht. Ich habe in der Schulpsychologie Beratungen und lange Diagnostikuntersuchungen gemacht, später auch im Milieu der Studentenberatung in Bochum“, erzählt Jaeggi anlässlich der Verleihung des Psychologiepreises 2007 des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen in ihrer Heimatstadt Wien. Den Preis erhielt Jaeggi für ihr Lebenswerk.

Drastische Kurswechsel

Allem, was sie tut, versucht Jaeggi ganz genau auf den Grund zu gehen. Trockenen Testergebnissen misstraut sie. Immer wieder setzt sie auf das persönliche Gespräch, auch wenn das von anderen Psychologen zu jener Zeit oft als „Geschwätz“ abgetan wird. „Auch wenn ich als erste Therapieform die Verhaltenstherapie gelernt habe und sie zuerst mit aller Begeisterung als wissenschaftlich begründet ansah und damit auch gewisse Erfolge hatte, blitzte doch immer wieder eine gewisse Unzufriedenheit auf, wenn ich es mit subtileren inneren Prozessen zu tun hatte, wie sie bei Depressionen, Selbstwertproblemen oder Beziehungsproblemen zu besprechen sind. Und ich habe daher in einer recht frühen Phase der Verhaltenstherapie nach denjenigen Variablen gesucht, die nicht einfach abzuleiten sind von Konditionierungsgesetzen. Mein Beitrag zum ersten Kongress für Verhaltenstherapie hat demnach auch geheißen ‚Die Rolle des Gesprächs oder Verhaltenstherapie‘.“ Drastische Kurswechsel gibt es im Leben von Jaeggi viele, schreibt die Autorin Anette Schäfer in einem Porträt in „Psychologie heute“: „Sie hat die traditionelle Rolle der Ehegattin gegen eine eigene berufliche Karriere eingetauscht, den überzeugten Katholizismus ihrer Jugend durch einen kritisch-distanzierten Blick auf die Kirche ersetzt, die symptomzentrierte Verhaltenstherapie zugunsten einer psychoanalytischen, am Unbewussten orientierten Herangehensweise aufgegeben. Bei all diesen Wandlungen spielte Neugier wohl eine entscheidende Rolle.“ Die Neugier lässt Jaeggi 1970 bei einem einjährigen Studienaufenthalt in den USA neue therapeutische Stile erkunden. Die Neugier lässt sie eine Assistenzstelle am psychologischen Institut der Freien Universität Berlin und das dort vorherrschende marxistische Gedankengut annehmen. Die Neugier lässt sie die Psycho- Moden der 1970er Jahre ausprobieren, von Körpertherapie und Encounter bis zu Gestalttherapie und Themenzentrierter Interaktion (TZI) – quasi als Ausgleich zur wissenschaftlichen Arbeit. „Ich habe viele Workshops und Gruppenbewegungen besucht“, erzählt sie bei der Preisvergabe von diesen turbulenten Jahren. „Das Seltsamste war ein zehntägiges Training oben auf einem Berg, abgeschlossen von aller Welt, wo wir total verrückt gespielt haben, einige sogar psychotisch geworden sind. Diese rund 20-köpfige Gruppe hat kaum je eine Nacht wirklich ordentlich geschlafen, wir waren unheimlich hysterisch vor lauter Aufregung. Das war natürlich in höchstem Grad gefährlich. Aber bei einiger Distanz ist es mir doch gelungen, nach und nach herauszuarbeiten, welche Bilder vom Menschen bei all diesen divergierenden Theoriebestandteilen oder Handlungsanweisungen stehen.“

Konkret und lebensbildlich

1978, als 44-Jährige habilitiert sich Jaeggi mit einer Arbeit über „kognitive Verhaltenstherapie“ und tritt eine Professur für klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin an. Ab den 1980er Jahren entstehen zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und parallel dazu auch für Laien verständliche Sachbücher. „Ich konnte über die Therapieschulen zu meinem früheren Interesse der anthropologischen Philosophie finden, nämlich Menschenbilder herauszuarbeiten, die hinter einzelnen therapeutischen Konzepten stecken, und ich habe das in meinem leider vergriffenen Buch ‚Zu heilen die zerstoßenen Herzen‘, glaube ich, einigermaßen gelungen darstellen können. In einem ähnlichen Zusammenhang steht dann auch mein Lehrbuch der Klinischen Psychologie, das ich mit Kollegen geschrieben habe, wo eben der sozialwissenschaftliche Aspekt der Klinischen Psychologie im Vordergrund steht.“

Die populärwissenschaftlichen Bücher über moderne Partnerschaften, Schwiegermütter, Single-Dasein und Altern, die sie zu einer der bekanntesten Sachbuchautorinnen im deutschsprachigen Raum machen, bringen ihr von der akademischen Kollegenschaft nicht nur freundliche Aufmerksamkeit ein. Doch für Jaeggi steht fest: „Wir als Wissenschaftler sind nicht nur uns selbst und dem Elfenbeinturm verpflichtet, wenn es um Lebenswissenschaften geht und Probleme, die uns alle angehen, dann müssen wir auch imstande sein, uns darzustellen, verständlich zu machen, welche Anliegen wir vertreten und wie – in diesem Fall – Psychologie uns helfen kann, Probleme des modernen Lebens besser zu verstehen und vielleicht auch besser zu bewältigen.“ Auf die Frage, wie sie es schaffe, diese oft so schwierigen Dinge klar auszudrücken, meint sie: „Eigentlich, weil ich zu dumm bin, es komplizierter und abstrakter auszudrücken. Ich verstehe alles nur, wenn ich es auch in einfache Worte kleiden kann und ich muss versuchen, mir alle Dinge konkret und lebensbildlich klar zu machen.“ Mit klaren Worten und großem Erfolg wagt es Jaeggi, auch den Berufsstand der Psychotherapeuten und seine speziellen Schwierigkeiten unter die Lupe zu nehmen: „Ungeachtet der vielen idealisierenden Beschreibungen der therapeutischen Beziehung scheint es doch recht schwierig, diese wunderbare Beziehung zu realisieren und so zu gestalten, dass sie für den Patienten eindeutig ist“, schreibt sie in dem Buch „Und wer therapiert die Therapeuten“. Allzu oft führt diese Beziehung zu einem gefährlichen Machtmissbrauch auf Seiten des Therapeuten, fährt sie fort und rät zu einer nüchternen Betrachtungsweise der „Beziehungsfähigkeiten“ sowohl bei Therapeuten als auch bei Klienten. „Was dabei vor allem für viele Therapeuten Probleme schafft, ist die Vorstellung, dass es so etwas wie eine ‚allgemeine Beziehungsfähigkeit‘ gäbe und dass diese sich im Berufs- und Privatleben gleichermaßen zeigen müsste. Das aber ist vielleicht einer der großen Irrtümer innerhalb der Therapieszene.“ Kurzum: Therapeuten sind auch nur Menschen.

Späte Berufung

Auch Jaeggi ist nur ein Mensch. Erst spät wagt die neugierige Menschenforscherin, die „anspruchsvollste“ aller Therapieausbildungen anzugehen, die zur Psychoanalytikerin. „Die Angst vor den Erkenntnissen, die eine Analyse bringen würde, hat mich wohl auch so lange warten lassen“, gesteht sie. Als etablierte, erfolgreiche Frau sei es leichter gewesen, Themen wie die gescheiterte Ehe, langjährige Schlafstörungen oder die Befürchtung, eine graue Maus zu sein, anzugehen. 1984/85 verbringt Jaeggi ein anregendes Forschungssemester am Strozka-Institut in Wien und erlebt einige erhellende Beratungsstunden bei Dr. Solms. Zurück in Berlin nimmt sie eine ernsthafte Analyse in Angriff und 1988, mit 54 Jahren, den mühsamen Ausbildungsweg. „Mit meinem vertieften Interesse für Psychoanalyse haben sich auch noch andere Überlegungen im akademischen Bereich verbinden lassen. So hat sich unsere Abteilung für Klinische Psychologie an der technischen Universität in Berlin langsam an die großen Methodenfragen der qualitativen Forschung herangewagt, und wir haben gelernt, immer bessere und ausgefeiltere Methoden zur systematischen Auswertung von verschrifteten Texten und Erzählungen anzuwenden.“ Sie habe in der Psychoanalyse jene Ernsthaftigkeit, Verbindlichkeit und theoretische Komplexität gefunden, die sie in der „akademischen“ Psychologie immer vermisste, sagt Jaeggi. „Dass Leben und Arbeit, Denken und Tun nun ein wenig näher aneinandergerückt sind: Das erfüllt mich mit großer Freude“, bilanziert sie in „Neugier als Beruf“. Als Heilungsmethode sieht sie die Psychoanalyse aber nur bedingt einsetzbar: Sie sei bei weitem nicht für alle Patienten gemacht. Und enttäuscht ist sie von der hier vorherrschenden Sektenbildung. Denn Menschen, die an eine allein selig machende Methode glauben, haben ihrer Meinung nach am Feld der Psychotherapie nichts zu suchen. Seit 1997 leitet die unermüdliche, mittlerweile 73-jährige Jaeggi den Ausbildungsschwerpunkt Tiefenpsychologie an der Berliner Akademie für Psychotherapie. „Das bedeutet nach wie vor eine Menge Arbeit: Überlegungen, Sitzungen, Ärger. Dazu kommen noch Therapien und Supervisionen.“ Und die Pläne fürs Alter? „Ich habe mir zwar noch keinen bequemen Fernsehsessel gekauft, aber ich bemühe mich, ein wenig mehr Zeit zu haben, weil eine ganz wichtige Rolle mein zweijähriger Enkel Jakob spielt.“ Ihr berufliches Fazit zieht die sympathische Grenzgängerin zwischen der psychologischen Praxis und der Forschung in ihrer Rede zum Psychologiepreis 2007 folgend: „Ich würde ganz bestimmt wieder Psychologie studieren, ich würde ganz bestimmt auch wieder versuchen, sowohl psychologische Praxis als auch Wissenschaft zusammenzubringen, diese Kombination erscheint mir in der Psychologie als eine geradezu ideale. Sie verhindert im besten Fall die Produktion von allzu großen Banalitäten als auch von allzu abgehobenen Theorien.“

Von Peter A. Krobath

© MMA, CliniCum neuropsy 6/2007
Prof. Dr. Eva Jaeggi

Jaeggi: „Wir als Wissenschaftler sind nicht nur uns selbst und
dem Elfenbeinturm verpflichtet. Wir müssen auch imstande sein,
verständlich zu machen, wie die Psychologie uns helfen kann,
Probleme des modernen Lebens besser zu verstehen.“