Psychisch kranke Personen besitzen eine signifikant niedrigere Lebenserwartung als die Allgemeinbevölkerung. Mit der europäischen Initiative HELPS startete ein Projekt zur Förderung von körperlicher Gesundheit bei psychiatrischen Patienten. Auch Österreich ist an dieser Initiative beteiligt.
Zahlreiche internationale Studien haben gezeigt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufiger an körperlichen Erkrankungen leiden als die Allgemeinbevölkerung. Die erhöhten Inzidenz- und Prävalenzraten für kardiovaskuläre Erkankungen, Diabetes mellitus, verschiedenste Infektionskrankheiten sowie gastrointestinale Erkrankungen scheinen zumindest teilweise für die signifikant niedrigere Lebenserwartung von psychisch kranken Patienten verantwortlich zu sein. Analysiert man z.B. die vorhandenen Daten bei schizophrenen Patienten, muss festgehalten werden, dass deren Sterblichkeitsrate etwa doppelt so hoch ist als die der Allgemeinbevölkerung und dass bis zu 50 Prozent dieser Patienten an somatischen Komorbiditäten leiden.Auch der bei vielen psychisch Kranken (z.B. Schizophrenie, bipolare Störung, Depression, neurotische und somatoforme Störungen) erhöhte Alkohol- bzw. Drogenkonsum stellt einen Risikofaktor für die Entwicklung körperlicher Folgerkrankungen und die erhöhte Sterblichkeit dar. Einige Untersuchungen fanden bei depressiven Patienten eine dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit für riskanten Alkoholkonsum und bei schizophrenen Patienten eine zweifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, wobei Alkohol auch zu einer Exazerbation psychotischer Symptomatik bzw. zu einer Aggravierung medikamentöser Nebenwirkungen, wie etwa extrapyramidaler Symptomatik, führen kann.
Ursachen erhöhter Komorbidität
Sucht man nach den Gründen dafür, stellt sich die Frage, inwieweit die hohen Prävalenzraten mit der psy- chischen Erkrankung selbst und/oder mit einem daraus resultierenden ungesunden Lebensstil in Relation gesetzt werden müssen. Exzessives Rauchen, ungesunde Ernährung, Inaktivität, mangelhafte Hygiene bzw. fallweise auch risikoreiches Verhalten scheinen diesbezüglich eine wesentliche Rolle zu spielen. Die Autoren einer Metaanalyse, die 42 Studien aus 22 Ländern inkludierte, berichteten beispielsweise, dass Männer mit einer Schizophrenie bis zu siebenmal und Frauen mit dieser Erkrankung bis zu dreimal häufiger als die Allgemeinbevölkerung rauchen.
Es gibt Hinweise, dass weitere Ursachen im Gesundheitssystem bzw. im Betreuungssetting zu suchen sind. So konnte in einer Studie gezeigt werden, dass Patienten mit einer bipolaren Erkrankung eine insuffiziente Therapie der körperlichen Beschwerden erhielten. Stationäre psychiatrische Einrichtungen sind hochspezialisierte Einrichtungen zur Behandlung von psychischen Krankheiten. Da häufig die Akutbehandlung und möglicherweise daraus resultierende Probleme im Vordergrund stehen, scheint es, dass die langfristigen Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit weniger im Fokus der Aufmerksamkeit stehen.
Die Mitarbeiter von außerstationären Einrichtungen konzentrieren sich meist auf eine rasche Reintegration der Kranken. Es scheint, dass manche davon ausgehen, dass sich beim Auftreten somatischer Beschwerden schon die Allgemeinmediziner darum kümmern werden. Bei diesen besteht aber oft Unsicherheit, wie sie mit schwer psychisch Kranken kommunizieren sollen. Studien weisen auch darauf hin, dass Patienten mit Schizophrenie Schwierigkeiten bei der Nutzung somatisch-medizinischer Einrichtungen haben und dass deren somatische Therapie schlechter als im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist. So kennen viele Psychiater die Erfahrung, dass an Schizophrenie Erkrankte gleich bei der Aufnahme an einer somatischen Krankenhausabteilung dem psychiatrischen Konsiliardienst vorgestellt werden, weil vermuchischen tet wird, dass es sich bei den körperlichen Beschwerden um psychotische Symptome handelt.
Prävention ist essenziell
Will man dem entgegenwirken, muss ein Fokus sicherlich im Bereich der Prävention bzw. der frühzeitigen Erkennung somatischer Symptome liegen. Nur wenige spezialisierte Programme zur Prävention körperlicher Erkrankungen bei psychisch kranken Menschen sind verfügbar. Ein hoher Anteil dieser Programme wurde von pharmazeutischen Unternehmen entwickelt und zielt auf die Reduktion von (medikamenteninduzierter) Gewichtszunahme ab. Weitere Schwerpunkte der zurzeit vorhandenen Präventionsprogramme sind Nichtraucherprogramme bzw. Ernährungsberatungen. Viele dieser Programme wurden in den USA oder Großbritannien entwickelt, die Umsetzbarkeit und Wirksamkeit in anderen Ländern und Kulturkreisen ist bislang nicht untersucht.
Es bleibt zu bedenken, dass jede Intervention, die darauf abzielt, den Lebensstil zu verändern, auch zu einer Belastung des subjektiven Wohlbefindens der Patienten führen kann. So ist z.B. bekannt, dass Nikotin die Negativsymptomatik bei Schizophrenie vermindern bzw. auch extrapyramidale Nebenwirkungen reduzieren kann. Nikotin wird von den Betroffenen auch gegen Angstzustände oder zur Konzentrationssteigerung eingesetzt. Es scheint also, dass einige Aspekte des ungesunden Lebensstils psychisch Kranker auch direkt mit biologischen oder umweltbezogenen Faktoren interagieren. Dies unterstreicht die Wichtigkeit einer Entwicklung und Validierung spezifischer Präventionsprogramme für psychiatrische Patienten.
Europäische Initiative HELPS
Ziel des im Vorjahr ins Leben gerufenen EU-Projekts HELPS (Health of Residents in Psychiatric and Social Care Institutions) ist es, das Wissen über die Häufigkeit und Ursachen körperlicher Erkrankungen bei psychisch Kranken sowohl unter den von Krankheit Betroffenen als auch unter den Mitarbeitern psychiatrischer Einrichtungen zu verbessern. Dabei soll der Schwerpunkt einerseits auf stationäre psychiatrische Einrichtungen und andererseits auf Wohneinrichtungen für psychisch Kranke gelegt werden. Weiteres Ziel des HELPS-Projekts ist es, effiziente Möglichkeiten zur Prävention und Früherkennung somatischer Erkrankungen in Europa bereitzustellen.
In einem multidisziplinären Team aus 14 europäischen Staaten soll zu diesem Zweck ein Toolkit entwickelt werden, das in den unterschiedlichen psychiatrischen Einrichtungen in Europa angewandt werden kann. Dieses Toolkit soll dazu beitragen, die wichtigsten Risiken für die körperliche Gesundheit in der jeweiligen Einrichtung zu identifizieren und die im spezifischen Setting am besten geeigneten Maßnahmen zur Prävention und Früherkennung auszuwählen. Es wird erwartet, dass die Nutzung des Toolkits zu einer relevanten Verbesserung des Gesundheitszustands und der Lebensqualität von Menschen mit psychischen Erkrankungen beitragen kann. Die Sammlung von Studien und von Programmen zur Prävention und Früherkennung körperlicher Krankheiten bei psychiatrischen Patienten soll eine erste Grundlage für eine europäische Datenbasis zu diesen Themen werden.
Erste Schritte in Österreich
Die Datenlage zu diesen Fragestellungen in Österreich ist bisher wenig zufrieden stellend. Der größte Teil der publizierten Studien fokussiert auf somatische Nebenwirkungen von eingesetzten Psychopharmaka, vor allem Antipsychotika. Repräsentative österreichweite epidemiologische Studien zu körperlichen Erkrankungen bei psychisch Kranken sind bis dato nicht vorhanden. Studien, die sich speziell mit Früherkennung, Screening und Prävention in dieser Zielgruppe sowie deren Wirksamkeit und Kosteneffektivität beschäftigen, sind bislang nicht verfügbar. An der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, hat sich nun eine Arbeitsgruppe konstituiert, die im Rahmen des HELPSProjekts die spezifische Konzeption und Umsetzung für Österreich übernommen hat.
In einem ersten Schritt wurde damit begonnen, die Daten für Österreich aufzuarbeiten. Administrativ-epidemiologische Daten werden, soweit vorhanden, systematisch gesammelt und in eigens angelegte Datenbanken gespeist. Mittels qualitativer Forschungsmethoden wurden in einer Pilotstudie die Erfahrungen von Mitarbeitern psychiatrischer Dienste und Erkrankten erfragt. Daraus resultierend sollen in einem nächsten Schritt Forschungsaktivitäten zu den Einflussfaktoren der körperlichen Komorbidität bei psychisch< Kranken geplant werden. Nähere Informationen: www.helps-net.eu
Dr. Fabian Friedrich, Dr. Marion Freidl, Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien




