Friedrich H. Moll¹²³, Shahrokh F. Shariat⁴
¹ Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf, Deutschland
² Urologische Klinik, Kliniken der Stadt Köln gGmbH, Köln, Deutschland
³ Curator Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V., Düsseldorf–Berlin, Deutschland
⁴ Department of Urology, Comprehensive Cancer Center, Medical University of Vienna, Vienna General Hospital, Wien, Österreich
Die Entwicklung wissenschaftlicher Disziplinen beruht auf einer starken institutionellen Grundlage. Gerade in der Anfangsphase sichern Fachgesellschaften die Kontinuität eines Faches unabhängig von Einzelpersönlichkeiten. Für die Urologie – anfangs noch ohne festen Platz an den Universitäten – waren ärztliche Vereinigungen von zentraler Bedeutung. Sie verbanden die Pioniere des Fachs, schufen eine berufliche Identität und gaben der Urologie eine Stimme innerhalb der Medizin und gegenüber der Öffentlichkeit.
Im deutschsprachigen Raum war Wien seit dem 19. Jahrhundert ein Zentrum medizinischer Innovation. Gemeinsam mit Berlin prägte es die Entwicklung der Urologie entscheidend. 1906/1907 wurde die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) gegründet – mit Anton Ritter von Frisch aus Wien als erstem Präsidenten und Otto Zuckerkandl als Vizepräsidenten. Beide trugen mit ihren grundlegenden Lehrbüchern wesentlich dazu bei, die Urologie als eigenständiges Fach zu etablieren.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gründeten führende Wiener Ärzte am 12. November 1919 die Wiener Urologische Gesellschaft (WUG). Die erste wissenschaftliche Sitzung fand bereits im Dezember 1919 statt – ein Meilenstein für die Institutionalisierung des Fachs in Österreich. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Otto Zuckerkandl, Hans Rubritius und Rudolf Paschkis. Sitz der Gesellschaft war das traditionsreiche Billrothhaus der Gesellschaft der Ärzte in Wien.
Die WUG vernetzte die großen Wiener Kliniken – vom Allgemeinen Krankenhaus bis zur Poliklinik – und förderte den wissenschaftlichen Austausch durch regelmäßige Vorträge. Bereits 1920 wurde mit Dora Teleky-Brücke die erste Frau als Mitglied aufgenommen – ein bemerkenswerter Schritt für diese Zeit. 1935 erfolgte die Umbenennung in Österreichische Gesellschaft für Urologie (ÖGU), um die wachsende nationale Bedeutung des Faches zu betonen.
In den 1920er- und 1930er-Jahren war Wien ein führendes Zentrum der europäischen Urologie. Österreichische Urologen spielten bei internationalen Kongressen eine zentrale Rolle – so auch beim 6. Internationalen Kongress der Société Internationale d’Urologie (SIU), der 1936 in Wien stattfand. Die Gesellschaft pflegte enge Kontakte nach Deutschland, Italien, Ungarn und in die Schweiz.
Trotz wirtschaftlicher und politischer Krisen entwickelte sich die Wiener Schule der Urologie zu einer anerkannten akademischen Tradition. Herausragende Persönlichkeiten wie Viktor Blum, Gallus Pleschner und Hans Rubritiusprägten diese Zeit – ebenso wie ihre Schüler, die die moderne operative und endoskopische Urologie weiterentwickelten.
Mit dem „Anschluss“ 1938 begann ein dunkles Kapitel. Zahlreiche jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, verfolgt oder zur Emigration gezwungen. Die Gesellschaft wurde gleichgeschaltet und unter nationalsozialistische Kontrolle gestellt. Unter Koloman Haslinger verlor die österreichische Urologie ihre zuvor weltoffene und wissenschaftlich pluralistische Ausrichtung. Viele akademische Netzwerke wurden zerstört; das geistige und menschliche Potenzial dieser Generation ging verloren.
Nach Kriegsende erfolgte 1946/47 die Neugründung der Österreichischen Gesellschaft für Urologie unter dem Vorsitz von Hans Gallus Pleschner. Die ÖGU knüpfte an die Vorkriegstraditionen an und begann, das Fach in einer Zeit des Wiederaufbaus neu zu verankern.
In den 1950er- und 1960er-Jahren prägten Persönlichkeiten wie Richard Übelhör und Hans Marberger die Entwicklung entscheidend. Marberger – später Professor in Innsbruck – gilt als Wegbereiter der modernen endourologischen Chirurgie und als Initiator des Alpenländischen Urologen-Symposiums, das bis heute den grenzüberschreitenden Austausch zwischen Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz fördert.
Ab den 1970er-Jahren erlebte die österreichische Urologie eine Phase dynamischer Entwicklung.
Die gemeinsamen Frühjahrstagungen der ÖGU mit der Bayerischen Urologenvereinigung (seit 1974) vertieften den wissenschaftlichen Dialog. In den 1980er- und 1990er-Jahren folgten die Gründung von Arbeitskreisen, die Einführung eines freiwilligen Fortbildungsdiploms (später österreichweiter Standard) sowie die Einrichtung eines Gesellschaftsarchivs (1992) unter Peter Paul Figdor, dem langjährigen Präsidenten und Chronisten der ÖGU.
1990 wurde der ÖGU-Newsletter eingeführt, und im Jahr 2000 erfolgte die Umbenennung in Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU/A) – Ausdruck der Erweiterung des Faches und seiner integrativen Ausrichtung.
Über Jahrzehnte blieb die historische Aufarbeitung lückenhaft. Erst seit den 2000er-Jahren wird die Geschichte der österreichischen Urologie – und insbesondere die Rolle einzelner Akteure während der NS-Zeit – systematisch erforscht. Unter der Präsidentschaft von Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat wurde das Forschungsprojekt
„Nur wer die Gegenwart kennt, kann Zukunft gestalten“ gestartet. Es untersucht die institutionelle Entwicklung, die wissenschaftlichen Netzwerke und die biografischen Verflechtungen der österreichischen Urologie im internationalen Kontext.
Das Projekt mündet 2025 in eine zweisprachige Buchpublikation (Deutsch/Englisch) beim Springer Verlag sowie in eine wissenschaftshistorische Ausstellung und Tagung im Rahmen des ÖGU-Jahreskongresses in Wien.
Heute ist die Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU/A) eine moderne, international vernetzte Fachgesellschaft. Sie steht für wissenschaftliche Exzellenz, ärztliche Weiterbildung, Interdisziplinarität undethische Verantwortung.
Mit Preisen wie dem Richard-Übelhör-Forschungsstipendium und dem Otto-Zuckerkandl-Preis ehrt sie wissenschaftliche Spitzenleistungen und fördert junge Talente.
Die ÖGU versteht sich als Brücke zwischen Tradition und Zukunft – fest verwurzelt in der Wiener Medizin, offen für Innovation, Forschung und internationale Zusammenarbeit.
Ihr Ziel bleibt unverändert: die bestmögliche Versorgung der Patientinnen und Patienten durch exzellente Forschung, Ausbildung und klinische Qualität – in Österreich und weit darüber hinaus.
Zentrale Literatur (Auswahl):

Abb. Urologie in Österreich Buch Cover


Abb. Anton Ritter von Frisch (1849-1917) Otto Zuckerkandl (1861-1921, Museum, Bibliothek und Archiv, Deutsche Gesellschaft Urologie, Bildarchiv, Madame d Ora. (auch österreichische Nationalbibliothek). Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung


Abb Viktor Blum (1877-1953 Chicago), Gallus Pleschner (1883-1950), Museum, Bibliothek und Archiv, Deutsche Gesellschaft für Urologie, Bildarchiv, sowie Institut für Geschichte der Medizin, Medizinische Universität, Wien, Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung

Abb Ausriss „Wiener Klinische Wochenschrift 60 Jhg. 1948 Heft 18, S 295, Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung.

Fig. Frontispiz des Handbuchs der Urologie von Anton von Frisch (1849–1917), Hölder, Wien. Deutsche Gesellschaft für Urologie, Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung

Fig. Frontispiz der Tagungsberichte des 5. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Urologie, abgehalten 1921 in Wien. Reproduziert von Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung.

Fig. Albert-Hörsaal im Alten Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH), um 1900. Bildarchiv der Deutschen Gesellschaft für Urologie; Reproduktion: Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung der Medizinischen Universität Wien (Bild Nr. 670/594).

Fig. Viktor Blum (1877–1954 Chicago) Museum, Bibliothek und Archiv, Bildersammlung, Deutsche Gesellschaft für Urologie, Repro Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung.

Abb. Titelbild des Programms des SIU-Kongresses von 1936. Reproduktion: Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers.

Abb. Hans Rubritius (1876–1943), Allgemeine Poliklinik Wien. „Der letzte Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie von 1929 bis 1933. Von 1935 bis 1938 war er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie. Als Vorsitzender der „Gesellschaft der Reichsdeutschen Urologen” wurde er im Oktober 1939 zum Präsidenten des 3. Kongresses gewählt – und wurde damit zum Präsidenten mit der längsten nominellen Amtszeit, obwohl er nie tatsächlich einen Kongress leitete.” (Schultze-Seemann 1979, Hervorhebung historischer Kontinuitäten, die in rechtlich-assoziativer Hinsicht innerhalb der DGU nie existierten). Institut für Medizingeschichte, Wien; Bildersammlung und DGU, Nachlass Schultze-Seemann. Reproduktion: Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung des
Eigentümers.

Abb. Am 22. Februar 1939 vereidigte Koloman Haslinger als Obmann die Mitglieder der neu gegründeten Wiener Urologischen Gesellschaft offiziell auf die nationalsozialistischen Ziele der wissenschaftlichen Gesellschaft in der „Ostmark“. Quelle: Zeitschrift für Urologische Chirurgie 33: 304. Reproduktion: Moll-Keyn, mit freundlicher Genehmigung.

Abb. Hans Marberger (1917–2002), von 1967 bis 1969 Präsident der ÖGU, war der erste außerhalb Wiens ernannte Professor für Urologie in Österreich und übernahm 1964 den Lehrstuhl in Innsbruck. Sein Vermächtnis wird auf europäischer Ebene von der European Association of Urology (EAU) mit dem Hans-Marberger-Preis gewürdigt, der „bahnbrechende Pionierleistungen und Beiträge zur Endourologie und zur Entwicklung minimalinvasiver urologischer Operationstechniken“ auszeichnet.